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Ulrike Zubal

 

„Ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein …“

Die Wahrheit ist uns Menschen des 21. Jahrhunderts abhanden gekommen, Aussagen, Beobachtungen haben ihre logisch, sinnlich erfahrbare, einfache Bedeutung verloren. Entnervt, manchmal auch vergnügt, müssen wir uns immer wieder unseres Standortes versichern und des Sinns, den uns die Welt anbietet. Er entsteht im Prozess der Betrachtung und entpuppt sich als eine höchst persönliche Angelegenheit. Der Betrachter formt sich seine eigenen Ordnungsmuster angesichts einer chaotischen, an sich bedeutungsleeren Welt.

Ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist ein Stein … Ein Stein ist und bleibt ein Stein, aber wie viele -- Man muss seine Gegenwart spüren, die Haut des Materials wahrnehmen, Farbunterschiede erkennen, fühlen, wo er rau ist, wo glatt, wie das Licht auf ihn fällt und Schatten erzeugt, wie er sich einfügt in den ihn umgebenden Raum, man muss seine Schichtungen freilegen, wo besitzt er Leere, wenn man Leere überhaupt besitzen kann, wo hat er Volumen, man muss ihn anheben, umdrehen, aufstellen, auf die Seite kippen, man kann an ihm riechen, ihn streicheln, grob zu ihm sein, ihn kaputt machen, ihn spalten, öffnen, anbohren, ja, man kann ihn sogar hören, wenn man auf ihn einschlägt oder mit der Flex hinein schneidet, was, nebenbei bemerkt, manche Nachbarn stört, wie manche Bildhauer wohl wissen. Der Stein wird antworten, auf vielerlei Art und Weise, je nachdem, wie man ihn angeht. Viele Perspektiven bietet er, der Bildhauer-Betrachter muss entscheiden, welche er sehen will.

Uli Gsell arbeitet mit Steinen. Er spricht mit ihnen, setzt sich mit ihnen dialogisch auseinander. Er nimmt die Angebote, die ihm der Stein macht, an - oder auch nicht. Denn der Dialog kann einvernehmlich sein oder auch widersprüchlich, sagt er. Nach und nach schält sich etwas heraus, was dann da steht vor uns Liebhabern der Bildhauerei, auf einem Sockel oder auf der bloßen Erde. Selbst dann ist der Dialog nicht abgeschlossen, denn jetzt sind wir Betrachter an der Reihe, ihn aufzunehmen und an Uli Gsells Stelle zu treten, sei es, wenn wir Glück haben, um ähnliche Antworten wie er zu erhalten, sei es, um anderes zu erfahren.

Uli Gsell sagt, dass er die Form aufnehme, die ihm der Stein anbiete. Er finde Geschöpftes vor. Oder, wie er spitzbübisch-schwäbisch formuliert, er lasse nichts verkommen. Manchmal ist es eine Figur, manchmal ein Kopf, der sich ihm anbietet. Und um ihn herauszuarbeiten, muss er manchmal den Stein zersprengen, die Fragmente bearbeiten und wieder zusammensetzen. Manchmal muss man eben etwas kaputt machen, um es als Ganzes zeigen zu können.

Manche seiner Steine entpuppen sich auf diese Weise als Landschaften, in denen der Betrachter herum wandern kann. Er geht über terrassierte Flächen, um eine Ecke, Stufen hinauf und hinunter. Scharfkantiges bieten sie ihm, Bruchkanten, und dann wieder fleischlich-speckähnlichen Stoff. Manches in ihnen ist bearbeitet, poliert, anderes wieder Natur belassen. Man sieht die Spuren der Bearbeitung, Erinnerungen an den Entstehungsprozess, Eingriffe des Menschen in die große Schöpfung, die keine sein wollen.

Sehr archaisch wirken diese Landschaften, wie architektonische Erzeugnisse aus einer lang vergangenen Zeit, wie antike Tempelformationen en miniature, von einem Archäologen freigelegt. Hohe steinerne Fassaden, die dem Gebirge abgetrotzt wurden, hinein gehauene Stufen, die auf flaches Gelände führen. Doch was erstaunt ist, dass die von Menschenhand heraus gearbeitete Geometrie nicht wie aufgezwungen wirkt, sondern ganz natürlich. Der Betrachter erkennt, dass in dieser Steinlandschaft schon immer eine schiefe Ebene angelegt war, die durch die schwarz polierte Treppenform nur verdeutlicht wird. Die Form nimmt die Natur auf. Wer griechische Tempel, wer archaische Tempel liebt, liebt auch diese Landschaften Uli Gsells.

Andere Steine offenbaren ihre menschliche Natur. Ein Quader entpuppt sich zum Beispiel als Kopf. Oder eigentlich als Kopflandschaft, denn auch sie kann man wie gerade eben die Tempellandschaft begehen. Von allen Seiten, denn allansichtig ist sie. Man erobert das Vorne, Hinten, die Durchblicke des Kopfes und seine Öffnungen, die in das steinerne Hirn hinein, die aus ihm heraus führen und sich manchmal als Sackgassen zu erkennen geben. Dennoch: der Kopf bleibt immer ein Stein. Nie tut der Stein so, als wäre er ein menschlicher Kopf, nie ahmt er einen menschlichen Kopf nach. Ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist … Man muss nur wissen, dass manchmal ein Stein ein Kopf sein kann.

Stein und Skulptur, Natur und Kunst, Natürlichkeit und Künstlichkeit sind für Uli Gsell nicht die Gegensätze eines Dualismus, sie werden komplementär gedacht, sie ergänzen sich. Natur ist Form, die freigelegt werden kann, Vorhandenes wird offenbar. Gsell macht nur darauf aufmerksam, was schon da ist. Form und Materie sind hier nicht die Plus- und Minus- Pole einer als Zweiheit zu denkenden Gestalt, sondern eins, komplementär, das eine kann ohne das andere nicht existieren. Nur wo Natur, da auch Kunst, Geometrie, nur wo Form, da auch Ungeformtes. Das eine bedingt das andere. Nur wo Strukturen verfließen, haben sie auch scharfe Kanten, eine alte Regel des Laotse.

Der Natur belassene Stein und die an ihm offenbar werdende geometrische Ordnung sind eins. Und wo der Stein zu viel Artifizielles bietet, muss seine Natürlichkeit herausgearbeitet werden. Dann, sagt Uli Gsell, dass er „Natur in das Objekt hineinbringen“ muss. Ein Bildhauer, der die in der Natur angelegte Künstlichkeit erkennt und ihr ihre Natürlichkeit zurückgibt, auch so ein Paradoxon der Moderne. Dahinter steht die Überzeugung, dass der Stein, so wie er da liegt, bereits Text ist. Man muss ihn nur lesen können.

Eigentlich ist Uli Gsells Thema ein ganz archaisches und zugleich ein ganz modernes. Und eigentlich, wenn man es recht bedenkt, kein „abendländisches“.
Denn das, was man als „abendländische Kunst“, speziell „abendländische Bildhauerei“ bezeichnet, ist etwas ganz anderes. Die Bildhauerei im Abendland hat über 2000 Jahre lang einen anderen Weg beschritten. Dieser Weg bestand darin, Natur und Kunst, Stoff und Geist, als Gegensatz zu begreifen. Hylemorphismus haben es die Theologen genannt und damit den Leib-Seele-Dualismus gemeint, das Materie-Form-Problem nannten es Philosophen und Künstler. Es beschäftigte das Abendland seit der klassisch-griechischen Antike, seit Platon und Aristoteles, seit dem Beginn dessen, was man die abendländische Bildhauerei nennt. Denn das Abendland ging das Natur-Kunst-, Materie-Form-Problem seit damals dualistisch an. Es gab den Stoff, den Stein, den Marmor, dem Form gegeben werden musste, zum Teil sehr gewaltsam, und nicht umsonst waren Bildhauer oft wahre Kraftprotzen. Wie heißt es doch in dem Buch des Abendlandes? „Macht Euch die Erde untertan.“

Bis ins 19. Jahrhundert hinein. Dann kam man davon ab. Und moderne Bildhauer suchen und finden in archaischen Kulturen, wie es auch die griechisch-vorklassische gewesen war, Lösungen, die jenseits des klassischen Dualismus von Form und Materie liegen. Die Philosophie nennt dies monistisch. Natur und Kunst sind keine Gegensätze, sind nicht zweierlei, sondern eins, komplementär. Es gilt nicht, Materie zu formen, sondern da Materie bereits Form ist, oder, anders ausgedrückt, da „der Leib die Seele ist“, wie der Religionswissenschaftler Hans-Peter Hasenfratz sagt, da sie beide eins sind, den Formaspekt der Materie herauszuarbeiten, ihn zu verdeutlichen. Die Spiritualität des Stofflichen, unsere archaischen Vorvordern kannten das, viele außereuropäische Kulturen wissen um dieses Phänomen noch immer. Und moderne Bildhauer auch. Bei seinem Aufenthalt in Mexiko hat Uli Gsell so eine archaische Kultur kennen gelernt, sie hat ihn tief beeindruckt und geprägt.
Archaische Kulturen und moderne Künstler wie Uli Gsell sind perfekte Gestaltwandler. Stellen Sie sich vor, Sie schauen auf eine Wolke, und sie entpuppt sich als Stein. Stellen Sie sich vor, Sie sehen in einen Wald hinein, und er schaut zurück. Das hat etwas Magisches und etwas sehr Modernes zugleich. Man betrachtet etwas und erfährt sich selbst dabei als Betrachter. Das Kunstwerk löst sich auf im Prozess der Wahrnehmung, Bedeutung wird Relation.

Uli Gsells Arbeiten weisen uns auf die Aspekthaftigkeit der modernen Welt hin, die perspektivische Sicht der Dinge. Der Form-Materie-Dualismus, der Mimesischarakter der abendländischen Kunst wird abgelöst vom Gedanken einer Identität von Betrachter und Betrachtetem, Bedeutung und Interpretation. Die Zeichenhaftigkeit der Welt wird offenbar. Welt ist Text, Natur Kunst. Ein Satz, ein Bild, ein Stein ist kein Medium mehr, das eine Wahrheit verbirgt, die frei gelegt, frei gefräst werden kann und muss. „Entbergen“ hat diesen Akt der Wahrheitsfindung der deutsche Philosoph Martin Heidegger genannt. Nein, so ist es nicht mehr. Die Wahrheit des Bildes, des Steines offenbart sich allein im Sinngebungsakt, den der Betrachter, Künstler wie Kunstliebender, im Augenblick der Bearbeitung, der Betrachtung vollzieht. Sie ist etwas sehr Persönliches, sehr Schwankendes, Vielfältiges – und sehr Spannendes.